Endlich wieder ein Kletterschuh für alle Szenarien

Mein persönliches Highlite 2020 ist die Markteinführung von Scarpa Booster. Es handelt sich um die dritte Version (Booster, Booster S sind die Vorgänger) – also in diesem Testbericht Booster V3 genannt. Mit Booster verbindet mich eine persönliche Geschichte. Damals ermöglichte mir ein maximal enger Scarpa Booster die Durchstiege von vielen 8er Routen in Kalk und boostete quasi mein Niveau ein wenig. Der Booster S ging für mich etwas in die falsche Richtung, da er mir zu weich erschien und auf den kleinen Tritten nicht die gewohnte Unterstützung bot wie die alte (im Vergleich) sehr steife erste Version. Nun wurde Booster überarbeitet und neu rausgebracht – meine bis jetzt (leider) begrenzten Erfahrungen und dazu gehörige Emotionen spiegelt dieser Testbericht wider.

Die Bilder machten optisch schon echt Lust diese Kletterschuhe endlich mal durch zu testen. Beim Öffnen des Kartons übertraf die optische Erscheinung alle Erwartungen. Lange ist es her, dass mir ein Kletterschuh auf den ersten Blick so gut gefiel wie dieses neue Meister Stück von Heinz Mariacher. Die beschriebene Begeisterung schreibe ich im SCHWERPUNKT der Farbkombi zu. Das edle Grau der X-Tension Bänder harmoniert mit dem klassischen Schwarz des Schaftes und der Sohle. Das gut dosierte Orange an Klettverschlüßen und der Gummilippe der Ferse. 

Die Verarbeitung ist trotz des komplexen Aufbaus einfach nur perfekt. In älteren Testberichten ist es mir schwer gefallen von Perfektion zu sprechen, doch in diesem Fall ist es einfach gerechtfertigt. Ich finde weder objektiv noch subjektiv (Haptik etc) irgendetwas was man anprangern könnte. Es kann natürlich sein, dass die späteren Produktionsreihen von diesem hohen Standard abweichen werden – was ich auch bei La Sportiva schon beobachten konnte, doch bis jetzt war dieser „Massenproduktionseffekt“ bei Scarpa nicht so stark spührbar. Hoffe es bleibt so!

Die Konstruktion unterscheidet sich in folgenden Punkten von der des Scarpa Booster S Kletterschuhs. Die Halbsohle ist auf der Achse der Zehengrundgelenke (da wo der Fuß nur begrenzt kompremierbar ist) ein Paar mm breiter geworden. Scarpa sagt, dass es bei Scarpa Booster S oft zu Löchern im Randgummi in diesem Bereich gekommen ist. Die Verbeiterung soll diesen untypischen Verschleiß  minimieren. Die 1mm dicke Zwischensohle ist größer geworden, so dass diese im Vergleich zum Booster S viel weiter in Richtung des Mittelfußes reicht. 

Zusätzlich hat sie einen Ausschnitt in Form des (Nike Logos) unter den Zehen (mit optimalen Abstand vom Sohlenrand). Das macht die Sohle im Vergleich steifer. Bei dem „Spannungssystem“ (Gummibandkonstruktion im Mittelfußbereich des Kletterschuhs) kehrt Scarpa wieder (Gott sei Dank) zu X-Tension zurück. Das bewerte ich als einen hervorragenden Schritt denn es sorgt für eine bessere funktionale Unterstützung der Fußmuskulatur. Hinzu kommt der Einsatz eines spezifischen Kunstfasermaterials, welches mehr Sensibilität, Formstabilität und Komfort bringen soll. Den Unterschied durch dieses Feature zu erkennen ist sehr schwer, möchte ich aber nicht bestreiten. 

Das Material, welches die Öse der Klettverschlüsse fasst wurde mit einer spezifischen Beschichtung versehen, um auch bei dünnerem Material Abriebfestigkeit zu erhöhen. Die Die Ferse wurde schmaler gemacht und nach meiner Bewertung sehr weich gummiert. Eine Besonderheit stellt die gelb-orange Gummilippe aus einer weichen Spezialgummimischung dar. Diese ist unterhalb der schwarzen Gummierung der Ferse so verklebt und verankert, dass eine Ablösung unmöglich ist. Ich wiederhole – unmöglich. Genial!

Insgesamt kann man festhalten – Scarpa Booster V3 ist vorne etwas breiter, an der Ferse etwas schmaler und etwas härter als Booster. Die Konstruktion hat weiterhin die Reduktion von Gewicht und Steigerung des Komforts im Fokus.

Passform und Größe

Zum Zeitpunkt des Tests (Anfang Februar 2020) war Booster in DEU nur im begrenzten Umfang bei einigen ausgewählten Lieferanten verfügbar. Ich musste also auf eine zu kleine Größe (EU 40) zurückgreifen, da die Neugier größer war als die Vernunft. Überraschenderweise konnte ich meinen Fuß doch in diese maximal enge Größe reinpressen. Die Aussagen zu Passform, Größe und Performance werde ich also noch ergänzen und präzisieren, sobald ich meine gewohnte 41,5 EU habe.

Wie bei der Konstruktion erwähnt ist Booster V3 vorne etwas breiter hinten etwas schmaler geworden. Für schmale, gerade, ägyptische Füße mit geringem Volumen sind diese Kletterschuhe jedoch nichts. Da kann man noch so sehr „downsizen“ es wird nichts bringen. Da kann ich nur empfehlen auf die Damen oder Low Volume (LV) Version zu warten (die wird vermute ich 2021/22 nachgeschoben werden) oder sich bei Drago LV umsehen. Scarpa bleibt nicht die optimale Wahl für die schmalen Füße. Die Passform (allen voran die Zehenbox) ist im Prinzip der des Booster S gleich. Ich verzichte auf die doppelte Beschreibung und bitte bei Interesse in den Testberichten nach zu lesen. 

Die Ferse ist in dieser maximal engen Größe immer noch etwas zu „luftig“. Sie bietet auch breiteren, massiveren Fersen genügend Platz, da das Material zu den beiden Seiten hin ordentlich Reserven hat und sehr nachgiebig ist. Die „Light“-Konstruktion mit den grenzwertigen dünnen Materialien (Nur Furia Air ist hier noch „dünnhäutiger“) sorgt für einen phänomenalen Komfort und Anpassung an den Fuß. Ich habe schon oft den Vergleich zu einer Neoprensocke bemüht. Booster V3 ist eher eine dünne Kompressions-Gummi-Socke, statt Neoprensocke und umschließt den Fuß nahezu überall perfekt. Komfort ist also als tadellos zu bewerten. ScarpaBooster V3 Kletterschuhe werden unverändert denen passen die mit alten Modellen zurecht gekommen sind.

Alle ohne Erfahrung mit diesem Modell sollten einen Versuch wagen, die Chancen stehen überproportional gut, dass sie passen. Größenwahl: als Faustformel – Straßenschuhgröße minus 1 bis 1,5 Gr. abziehen. Kletterern mit schmalen und geraden Füßen rate ich von Booster V3 ab.

Performance, Einsatzbereich und Haltbarkeit der Booster V3 Kletterschuhe

Scarpa Booster V3 ist deutlich weicher als Boostic und deutlich härter als Drago, Furia, Chimera etc. Somit ist die Einordnung als mittelsteifer Velcro innerhalb der ScarpaClimbingshoe Range folgerichtig. Am ehesten lässt sich die Steifigkeit der Sohle mit dem Instinct VSR vergleichen. Booster ist jedoch dank der Löcher in der Sohle und Aussparrungen in der Zwischensohle agiler und flexibler als der VSR. Im übergreifenden Gesamtvergleich würde ich Booster V3 als mittelhart bis weich einordnen, denn die Sohlenkonstruktion bleibt nicht wirklich hart.

Als Haupteinsatzzweck gibt Scarpa Seilklettern an. Das Bouldernist mit diesem Modell zwar auch sehr gut möglich, aber verglichen mit den Spezialisten wie Drago, Furia, Chimera, Instinct VSR hat Booster S bei der Ausstattung das Nachsehen. Diese haben zBsp auf das Bouldern abgestimmte Fersen, Toe-Hook Patches etc. Ich persönlich würde mit dem Booster V3 sowohl beim Bouldern als auch beim Seilklettern glücklich werden, denn die Passform spielt bei dem Modell der Performance massiv in die Karten. Für die Mehrseillängen (MSL) würde ich mich lieber auf Maestro oder Vapor Lace abstützen. 

Der Booster S war, für mein Geschmack, zu weich. Den Booster V3 hat Scarpa deutlich näher an das Optimum heran geführt. Der Kompromiss zwischen Sensibilität, Flexibilität, Komfort und Support hat Heinz Mariacher mit diesem Kletterschuh mal wieder neu definiert. Beim Treten bin ich rundum zufrieden – ich treffe präzise die Tritte (nicht ganz so intuitiv wie beim Furia Air), spüre im ausreichenden Maße was unter dem Zeh ist und kann wenn notwendig die Sohle auf Reibung durchdrücken. Im Überhang kann man ohne Mühe Tritte angeln und sich dransaugen. Die Spitze, Innen- und Außenkante funktionieren ohne Einschränkungen gut. Natürlich ist die Präzision auf die Spitze fokusiert – da landet man auch in 93% der Fälle. Aber wenn man auf Kante antreten muss erlebt man keine negativen Überraschungen.

Begeistert hat mich die Hookerei. Mit der Ferse kann man präzise die Hooks platzieren und ALLES durch das dünne Gummi spüren. Der weiche Gummistreifen in der Mitte der Ferse ist ein wirklich geniales Feature. Ich habe schon alle möglichen, Lippen, Kanten usw gesehen und getestet. Diese Konstruktion toppt bis jetzt alles. Dank des herausstehend platzierten,weichen Gummis kann man eine Art Formschluss (wie mit den Fingern auf einem Griff) herstellen. Das sorgt für solch ein krasses Gefühl eines bombenfesten Haltes, dass man die Hirnregion, die für die Kontrolle des Hooks sorgt, getrost abschalten kann. 

Ähnlich überrascht und begeistert war ich von der ToeHookPerformance. Trotz der maximal kleinen Größe konnte ich die zusammengepressten Zehen in der Zehenbox als „Block“ noch genügend anheben um einen absolut sicheren Halt beim ToeHooken zu finden. Mit der optimalen Größe, bei der man die Zehen noch besser und ggf differenzierter und dosierter anheben kann wird die Performance noch viel besser sein. In einem von der Größe her optimaler gewählten La SportivaSkwama hatte ich bei weitem nicht das gleiche safe Gefühl beim Toe-Hooken. Bei solchen Vergleichen wird einem ganz deutlich wie groß im Detail der Unterschied in der Perormance ist.

Die Haltbarkeit ist bei den modernen „light“ Kletterschuhen nicht die größte Tugend. Aus der Community höre ich, dass die besagten High Performance Modelle (zu denen Booster V3 Kletterschuhe auch gehören) teilweise 3 Monate halten bis sich irgendwo (Sohle, Zehenbox) ein Loch bildet. Es hat eben alles seinen Preis. Der Komfort lässt sich derzeit leider auf Kosten der Haltbarkeit steigern. Wer also glaubt, dass ScarpaBooster V3 deutlich über 1 Jahr halten wie es mal bei FiveTen Anasazi der Fall war, muss ich leider enttäuschen. 

Fazit – Kletterschuhe Scarpa Booster V3

Scarpa Booster ist im Prinzip eine Mischung aus dem ersten Modell und dem Booster S. Wer die erste Version mochte und im Booster S die gewohnte Unterstützung vermisst hatte, wird im 2020er Booster alles finden was man braucht. Komfort, Präzision, Sensibilität, Agilität und Style. Insgesamt handelt es sich bei diesem Kletterschuh um ein nahezu perfektes Kompromiss. Mit dem Booster V3 kann ich Sportklettern und Bouldern naht- und mühelos abdecken. Er passt gut zu meinem quadratischen Fuß und macht deutlich weniger Beschwerden wie ein Skwama, PythonSatori V2 oder Synergy. Die Wehrmutstropfen bleiben: sehr hoher Preis und die nicht im Verhältnis zu diesem stehende eher mäßige Haltbarkeit. Die Vorfreude auf diese neuen Kletterschuhe hat sich gelohnt. Klare Empfehlung und Daumen hoch.

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